Braucht man Bindung für gutes Training?

Gedanken zur Bindung

Nachdem ich heute einen Kommentar zu meinem Buch „Wie auch dein Hund zuverlässig kommt“ gelesen habe, in dem es hieß, dass ich als Hundetrainer wissen müsse, dass man gar keinen Rückruf trainieren müsse, weil der automatisch funktioniert, wenn die Beziehung oder Bindung zum Hund aufgebaut wurde, habe ich mir mal ein paar Gedanken zu diesem Thema gemacht.

Stimmen solche Aussagen zur Beziehung bzw. Bindung?

Oft hört man: „Bau erst mal eine gute Bindung auf, dann geht der Rest von alleine.“ oder „Du hast keine gute Bindung zum Hund, sonst würde er ganz automatisch zu dir zurückkommen.“ oder „Wenn du keine Bindung zu deinem Hund hast, kannst du ihn nicht trainieren!“ Die Aussagen widersprechen sich teilweise, weil man einerseits ja gar nicht mehr trainieren muss, wenn man die Bindung aufgebaut hat, man aber andererseits erst dann trainieren kann – warum sollte man das dann noch tun, wenn es eh schon funktioniert? -, wenn selbige aufgebaut wurde. Außerdem frage ich mich, warum ich dann völlig problemlos mit einem Hund trainieren kann, den ich gerade erst kennengelernt und zu dem ich wirklich überhaupt keine Bindung habe. Er muss mir nicht mal sympathisch sein. Oder warum haben so viele Menschen Probleme, ihren Hund zurückzurufen? Haben die alle keine gute Bindung oder eine schlechte Beziehung zu ihrem Hund? Das hat mich zu der Frage gebracht:

Was ist Bindung überhaupt?

Obwohl es ganze Bücher dazu gibt, sogenannte Bindungstests existieren, mit denen man angeblich sogar die Qualität einer Bindung überprüfen kann, habe ich keine „fassbare“ Definition gefunden. Auch die Ausführungen darüber bei Wikipedia haben mich irgendwie nicht weitergebracht. Und auch die Tests bezüglich der Bindung betrachte ich mit sehr viel Skepsis. Danach habe ich keine besonders tiefe und gute Bindung (was immer das auch ist!) zu meinen Hunden. Es gibt bei mir keine großen Begrüßungszeremonien. Meine Jule steht oft nicht mal auf, wenn ich komme. Andererseits achten meine Hunde draußen immer auf mich und ich habe keinerlei Probleme mit dem Rückruf. Und das trotz dieser mangelnden Bindung? Das könnte natürlich daran liegen, dass ich es trainiert habe. 😉

Gewalt unter dem dem Deckmäntelchen der Bindung

Ich werde immer hellhörig, wenn ich höre, dass man kein Training braucht. Dass man nur an der Beziehung arbeiten muss. Und alles so macht wie Hunde das auch machen. Und ohne Konditionierung arbeitet – sondern nur mit Kommunikation. Mal davon abgesehen, dass das oft schwachsinnig ist, was dort geäußert wird. Wenn man sich der Bedeutung der dort verwendeten Begriffe bewusst ist, ergeben viele der Aussagen überhaupt keinen Sinn. Und leider werden diese Begründungen einfach nur sehr oft herangezogen, um in der ein oder anderen Form Gewalt anzuwenden.

Menschen sind keine Hunde

Ich halte unsere Hunde nicht für so dumm, dass sie einen Hund und einen Menschen nicht auseinanderhalten können. Und ich masse mir nicht an, so gut, schnell und präzise agieren zu können, wie ein Hund einem anderen Hund gegenüber das tun kann. Und die Verfechter dieser Theorie machen das auch nur sehr einseitig. Denn wenn der Hund auf der anderen Seite mitteilt: „Okay – ich hab’s verstanden!“ hören sie noch lange nicht mit der Bedrohung auf – was jeder gut sozialisierte Hund tun würde. Und dann – ganz ehrlich – habe ich bis jetzt noch nie erlebt, dass ein Hund einen anderen Hund an die Leine genommen hat oder ihn hat Sitz machen lassen oder ihn sogar mit „kscht“ angegangen ist und ihm ihn die Seite gezwickt hat. Ich habe auch noch nie beobachtet, dass ein Hund einem anderen in die Bauchregion tritt oder versucht, ihn mit einer dünnen Leine zu erwürgen.

Bindung hilft bei Problemen nicht weiter

Wenn Hundebesitzer zu mir kommen, weil der Hund an der Leine zerrt oder aggressiv ist oder der Hund nicht zurückkommt, wenn sie ihn rufen, dann hilft das Ding mit der Bindung einfach nicht weiter – es sei denn, ich verstehe darunter, dass ich den Hund so einschüchtere, dass er sich nicht mehr wagt, etwas anderes zu tun. 🙁 Aber das sieht man ja leider genauso immer im Fernsehen. Dann muss es doch stimmen und das muss Bindung sein. Sehr traurig. Mir erscheint dieser Begriff genauso wenig tauglich wie der ganze Rudelführer- und Dominanzkram. Und mir wird immer schlecht, wenn ich solche Begründungen höre um dann den Hund physisch und/oder psychisch zu bestrafen.

Lerngesetze gelten immer

Tatsache ist: Hunde gehorchen den Lerngesetzen – so wie auch wir Menschen oder Katzen oder Vögel oder andere Lebewesen. Das bedeutet vereinfacht gesagt, sie tun, was für sie von Vorteil ist und lassen, was negative Auswirkungen hat. Ob man das jetzt gut findet oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle – es ist einfach so. Deshalb funktioniert sowohl Training über Strafe als auch Training über Belohnung. Es ist eine Entscheidung, die jeder für sich treffen muss, wie er mit seinem Hund arbeitet. Vielleicht nicht ganz. Weil es laut Tierschutzgesetz ja verboten ist, einem Tier unnötige Schmerzen – auch im Rahmen von Training – zuzufügen. Aber solange so etwas im Fernsehen als richtig propagiert wird, könnte es schwierig werden dagegen anzukommen. Also kann man eigentlich nur hoffen, dass immer mehr Menschen merken, dass es viel netter ist, über Belohnungen zu arbeiten und man auch etliche negative Nebenwirkungen nicht hat. Und wo wir gerade von Bindung sprechen: 😉 Vielleicht sollte man den Begriff ersetzen durch Vertrauen und Respekt. Und da kann ich garantieren, dass das Vertrauen wesentlich größer wird und der beidseitige Respekt, wenn man über Belohnungen arbeitet. Vielleicht hast du Lust, dir diesen kleinen Film anzuschauen, in dem nochmal kurz erklärt wird, wie das funktioniert mit den Lerngesetzen.

 Viel Spaß beim Training über positive Verstärkung Claudia Hußmann

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2 Kommentare zu “Braucht man Bindung für gutes Training?
  1. Maria Fischer sagt:

    bei mir geht es an.

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