Der Hund, das unbekannte Wesen?

Was sollte JEDER Hundebesitzer wissen?MD002155

So sieht es aus

Wenn ich in der Hundeschule z.B. nach der normalen Körpertemperatur des Hundes frage, bekomme ich in der Regel zur Antwort: „Das ist doch so wie bei uns Menschen, oder etwa nicht?“

Oder die Menschen sind total erschrocken, weil der Welpe plötzlich seine Zähne verliert. „Die haben auch Milchzähne? Das wusste ich nicht!“

Oder es kommt eine Bemerkung: „Die spielen aber schön!“, dabei sind die Hunde gerade alles andere als nett zueinander und die Situation droht gleich zu eskalieren.

Manchmal wundern sich die Menschen auch: „Das hat er ja noch nie gemacht. Der hat ganz plötzlich gebissen.“ Dabei hat der Hund schon sein gesamtes Repertoire an Beschwichtigungs- und Drohverhalten abgespult.

„Der hat ein schlechtes Gewissen! Er weiß genau, was er getan hat.“ oder „Der macht das nur, um mich zu ärgern!“ hält sich auch sehr hartnäckig. 

Ich wundere mich immer, dass nicht viel mehr passiert. Unsere Hunde sind wirklich sehr tolerant und anpassungsfähig.  😎

Aber was sollte denn nun jeder Hundehalter wissen?

Aus meiner Sicht sind folgende Themen sinnvoll:

  • Entwicklungsgeschichte – Hier reicht ein grober Überblick, aber es hilft dem Menschen, bestimmte Verhaltensweisen des Hundes besser zu verstehen
  • Grundlagenwissen rund um Gesundheit, Haltung, Pflege und Ernährung
  • Ausdrucksverhalten / Kommunikation des Hundes – Grundlegend, um sein Tier zu verstehen
  • Wissen um den Welpen inklusive Züchterauswahl, Entwicklungsstadien und Training des Welpen
  • Rassekunde – Wer zumindest eine Ahnung davon hat, wofür der Hund ursprünglich gezüchtet und eingesetzt wurde, kann so manches Verhalten viel besser einordnen und kann sich auch bewußter einen Hund aussuchen, der zu seiner Situation passt.
  • Rudelverhalten / Rangordnung – Gerade um dieses Thema ranken noch so viele alte – längst überholte – Gerüchte, da wäre es für ALLE Hundehalter wichtig, mal auf den neuesten Stand der Erkenntnisse zu kommen.
  • Der Hund in der Familie – Hunde leben heutzutage zum Glück meist mit in der Familie. Was sollte man beachten, insbesondere, wenn Kinder mit im Haushalt leben.
  • Lernverhalten und Training des Hundes – Wenn man weiß, wie man seinen Hund mit Spaß erziehen kann, tut man sich viel leichter als wenn es nicht funktioniert oder keinen Spaß macht.
  • Der Hund in der Öffentlichkeit – Wie kann jeder Hundehalter mit dafür sorgen, dass unsere Hunde in der Gesellschaft wieder besser akzeptiert werden.
  • Hund und Recht – Welche Gesetze sind relevant und welche Vorschriften müssen Hundehalter beachten

Wie könnte es aussehen?

Schön wäre es, die Menschen würden sich das Wissen VOR der Hundeanschaffung aneignen. Aber auch wer  „schon immer“ Hunde hatte, weiß vieles gar nicht, weil sich nach wie vor längst überholte Weisheiten hartnäckig halten.

Mir ist es unverständlich, dass man sich ohne jedes Wissen ein Lebewesen anschaffen darf. Leider endet das oft genug damit, dass das Tier wieder abgeschafft wird. Ein Lebewesen kann man nun mal nicht einfach ins Regal räumen und verstauben lassen. Das gilt übrigens nicht nur für Hunde, sondern auch für alle anderen Lebewesen.

Ist es denn zuviel verlangt, sich mal ein paar Stunden damit zu befassen, wie so ein Tier tickt, welche Bedürfnisse es hat und sich Gedanken darüber zu machen, ob das überhaupt das Richtige ist. Und wenn man sich dazu entschließt, sich dann auch noch ein paar Gedanken zu machen, welcher Hund zu einem passt. Ist der Bordercollie-Welpe wirklich der geeignete Hund für eine 80jährige Person, die mit Rollator unterwegs ist? Ist der Kangal wirklich der super kuschelige Familienhund? Schließlich ist dieses Tier gezwungen, die nächsten möglicherweise 15 Jahre mit uns zu verbringen.

Die Regelung in der Schweiz, wo zukünftige Hundehalter zunächst einen Kurs besuchen müssen, bei dem sie die entsprechende Sachkunde erwerben, gefällt mir persönlich sehr gut. Ohne Nachweis gibt es keinen Hund. Ich bin davon überzeugt, dass durch diese Regelung viele unbedachte Hundeanschaffungen ganz einfach wegfallen.

Ich staune immer wieder, wie manche Menschen zu ihrem Hund kommen. Das geht von „Der tat mir so leid.“, „Der war übrig beim Nachbarn, weil die Hündin ZUFÄLLIG gedeckt wurde.“, „Die Kinder wollten nur mal ‚Welpen gucken‘, da haben wir einen mitgenommen“, usw. Und nach vier Wochen ist die Euphorie dahin, der Hund wird lästig und abgeschoben.

Hinzu kommt noch folgende Ungerechtigkeit. Warum müssen Besitzer bestimmter willkürlich auf eine Liste gesetzter Hunde ihre Sachkunde nachweisen, andere Hundebesitzer aber nicht? Zum Wohle des Hundes wäre es sinnvoll, dass JEDER Besitzer ein Basiswissen hat. Und wenn dann ein sogenannter Listenhund in eine Situation kommt, wo eigentlich der andere, schlecht erzogene Hund mit ahnungslosem Besitzer ihn reizt, ist der dann auch noch der „böse“ Hund. Dabei wäre gar nichts passiert, wenn auf beiden Seiten das entsprechende Wissen vorhanden wäre. 

Hunde werden oft dargestellt als wären sie gefährlicher als Autos. Das ist definitiv nicht richtig. Durch Autos werden wesentlich mehr Menschen verletzt oder gar getötet als durch Hunde. Ich will hier keine Hundeattacken rechtfertigen, da ist jede zuviel. Aber ein Auto an sich ist ungefährlich, wenn es irgendwo steht. Gefährlich wird es durch rücksichtslose und unbesonnene Fahrer. Der Mensch hat es in der Hand.

Das gleiche gilt für den Hund. Wenn am anderen Ende der Leine ein rücksichtsvoller Halter ist, der um das Wesen seines Hundes weiß und ihn sicher führt, wird nie etwas passieren. Fast nie – da wir alle nur Lebewesen sind, kann immer mal etwas schiefgehen!

Wie kommt ein Hundehalter zu einer souveränen und guten Führung? Genau – indem er so viel wie möglich über das Lebewesen weiß, mit dem er viele Jahre zusammen lebt. 

Zum Glück eignen sich immer mehr Hundehalter freiwillig dieses Wissen an und machen auch freiwillig den Hundeführerschein. Es ist doch ein Erfolgserlebnis, wenn man seinen Welpen oder einen – vielleicht nicht ganz einfachen – Hund aus dem Tierheim so gut erzogen hat, dass man mit ihm überall hingehen kann ohne negativ aufzufallen.

Normalerweise wollen Besitzer ihren Hunden nicht weh tun, trotzdem ziehen sie ihnen Stachelhalsbänder an, zerren und rucken sie durch die Gegend und und und….

Wenn ich die Leute darauf anspreche, schauen sie mich oft völlig entgeistert an und verstehen gar nicht, was ich meine. Sie haben sich einfach keine Gedanken gemacht. Sie wissen nicht wie es besser geht. Und das finde ich sehr traurig.

“Gewalt fängt da an, wo Wissen aufhört.”

(Moshe Feldenkrais)

Deshalb mein Plädoyer an alle – auch zukünftigen – Hundebesitzer: Eignet euch so viel Wissen wie möglich an. Je mehr ihr wisst, um so besser könnt ihr beurteilen, was hundegerecht ist. Tut es eurem Hund zuliebe.

Veröffentlicht in Tipps rund um den Hund

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