Hundeerziehung

Wattebauschwerfer kontra Brutalos?

Immer mal wieder flammen heiße Diskussionen um die Methoden in der Hundeerziehung auf. Die Veröffentlichungen dazu reichen auf beiden Seiten von scheinbar sehr sachlich und fundiert verfassten Artikeln bis hin zur bloßen Polemik oder Angriffen gegen anders Denkende.

Sind die einen wirklich Wattebauschwerfer, inkonsequent und antiautoritär und lassen sich von ihren Hunden auf der Nase herumtanzen? Und ist die gegnerische Seite wirklich so brutal, ruckt, zerrt und unterdrückt ihre Hunde komplett? Gibt es DIE Methode in der Hundeerziehung?

Ganz so einfach ist es nicht!

HundeerziehungIn der Hundeerziehung wie auch in anderen Bereichen wird es nie einen Stillstand geben, es wird sich ständig etwas Neues entwickeln, es wird immer wieder neue Erkenntnisse geben und die Resultate daraus werden sich auf das Zusammenleben mit Hunden auswirken. Bis vor wenigen Jahren hat man – zumindest in Deutschland – gar nicht groß darüber nachgedacht, wie ein Hund trainiert wird.

Wenn der Hund denn überhaupt trainiert wurde! Gerade in ländlichen Gebieten hielten sich die Hunde im Stall oder Hof oder im Zwinger auf oder spazierten alleine im Dorf herum. Hundeerziehung? Wer braucht denn so etwas?

Wenn, dann ging man auf den Schäferhundeplatz und ansonsten war der Hund im Zwinger. Da war es völlig uninteressant, ob der Hund außerhalb des Platzes gehorchte oder nicht. Der hat sich ja da gar nicht aufgehalten. Somit war die Hundeerziehung gar nicht notwendig.

Hund müssen hohe Ansprüche erfüllen

Viele Hunde werden aber heute in der Familie gehalten. Sie gehen mit ihren Menschen in die Stadt, sie fahren mit in Urlaub, sie wohnen mit in der Familie und sind da, wenn Besucher kommen. Sie sind einfach Familienmitglieder geworden. Damit hat sich aber auch der Anspruch an unsere Hunde geändert. Und Hundeerziehung ist ein Muss. In manchem Bundesländern ist ein Hundeführerschein Pflicht. Und selbst wenn nicht.

Wir erwarten eine ganze Menge von unseren Hunden. Sie sollen nach Möglichkeit brav an der Leine gehen, auch wenn es noch so spannend riecht. Naürlich sollen sie sofort kommen, wenn man sie ruft. Sie sollen sich ruhig verhalten, egal was um sie herum so passiert. Wenn wir sie mit in ein Lokal nehmen, sollen sie stundenlang brav liegen, so dass am besten keiner merkt, dass sie überhaupt da sind.

Sie sollen sich anfassen lassen, sie sollen Kinder tolerieren, sie müssen still im Auto mitfahren und akzeptieren, dass Besucher in ihren intimsten Bereich kommen. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Und das alles soll die Hundeerziehung heute leisten.

Stellenwert der Hundeerziehung

Hundeerziehung PlatzDamit hat die Hundeerziehung einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Ich bewundere immer wieder die Anpassungsfähigkeit unserer Hunde! Viele laufen tatsächlich einfach so mit und genügen all den Ansprüchen ohne jemals Probleme zu machen. Aber es ist eben nicht bei allen so.

Und da kommt jetzt unsere Hundeerziehung ins Spiel. Früher wurden Hunde ausgebildet für die Jagd oder als Polizeihund. Oder eben für den Hundesport, der im wesentlichen aus der sogenannten Unterordnung und dem Schutzdienst bestand. Die Ausbildungsmethoden in diesen Kreisen haben sich in den letzten 100 Jahren kaum verändert.

Hundeerziehung hieß, der Hund wurde mit mehr oder weniger Gewalt dazu gebracht, das zu tun, was er soll oder das zu unterlassen, was er nicht soll. Auch heute noch werden Stachelhalsband und Reizstromgeräte dabei häufig verwendet – auch wenn sie laut Tierschutzgesetz verboten sind. Die Hunde, die diese Behandlung nicht verkraften, zusammenbrechen und nichts mehr machen, werden als „zu weich“ abgegeben, diejenigen die sich wehren, nun ja….

Was hat das alles mit unserer heutigen Hundeerziehung zu tun?

Ich habe diese Methoden noch kennengelernt und zum Teil auch selbst so mit meinen Hunden gearbeitet. Es war einfach so! Nur mir hat das nicht gefallen! Und ich habe mich auf die Suche gemacht. Weil ich meinen Hunden nicht weh tun wollte. Natürlich war ich anfangs stolz darauf, wenn ich statt einem Stachelhalsband einen Kettenwürger benutzt habe.

Und anstatt nur zu zerren und zu rucken den Hund mit Leckerli oder Spielzeug belohnt habe. Das war im Gegensatz zu den mir bis dahin bekannten Methoden geradezu gewaltlos. In den Hundeschulen, die ich mir angeschaut habe, lief die Hundeerziehung nicht wirklich viel anders als vor 60 Jahren. Aber – damit war ich nicht zufrieden. Ich wollte es besser machen. Und habe eine Ausbildung bei einem Hundetrainer gemacht, der „gewaltfrei“ arbeitete.

Dort habe ich viel über Hundeerziehung gelernt. Und vieles war auch – heute würde ich sagen – ganz okay. Aber es ging alles nach einem Schema. Und das Ausdrucksverhalten und die Kommunikation des Hundes wurden kaum berücksichtigt. Das war das, was mir letztlich nicht gefiel. Jeder Hund ist anders und bei manchen passte es einfach nicht so recht, insbesondere bei verängstigten Tierheimhunden kam ich an Grenzen.

Clickertraining – die Lösung?

Und dann las ich im Internet etwas von Hundeerziehung mit Clickertraining. Und war sofort fasziniert. Es gab kein Buch, es gab keine Hundeschule in Deutschland, es war unglaublich schwer an Informationen zu kommen. Die Internet-Flatrate war noch nicht erfunden, aber das war die einzige Quelle, wo ich Informationen fand, in der Regel auf englisch.

Ich druckte aus, was ich fand und begann mit meinen Hunden zu experimentieren. Und ich war völlig frustriert! Was sich da so toll und einfach gelesen hatte, schien sich in der Praxis überhaupt nicht zu bewähren. Ich kam einfach nicht so richtig weiter. Also schmiss ich zunächst mal den Clicker wieder in die Ecke. Aber das Thema ließ mich nicht los.Hundeerziehung Maukorbtraining

Glücklicherweise beschäftigten sich in Deutschland aber immer mehr Hundetrainer mit dieser Art der Hundeeerziehung. Und dann kam das Buch „Clickertraining“ von Birgit Laser auf den Markt. Und Karen Pryors Buch „Don’t shoot the Dog“ wurde ins deutsche übersetzt und erschien unter dem Titel „Positiv bestärken – sanft erziehen“.

Nachdem ich die beiden Bücher nahezu verschlungen habe, rief ich bei Birgit Laser an und  engagierte sie für einen Wochenendworkshop „Clickertraining für Anfänger“ in meiner Hundeschule.

Es ist keine Methode – es ist eine Lebenseinstellung

Was mich bei Birgit damals total fasziniert hat, war ihre sanfte Art, ihr Einfühlungsvermögen und ihre Sicht auf die positiven Dinge. Sie wartete nicht auf Fehler des Hundes, sie stieg schon viel früher ein. Sie belohnte die Hunde schon, wenn sie noch das richtige taten. Das war ein völlig andere Herangehensweise an die Hundeerziehung.

Viele der Diskussionen, die ich heute auf Facebook oder in Foren verfolge, geben genau meine Fragen, Bedenken und Aber von damals wieder. Es ist immer schwer, etwas Neues zu akzeptieren. Einzugestehen, dass etwas besser geht als man es bisher gemacht hat. Es ist anstrengend zu lernen und sich immer wieder selbst zu beobachten. Immer wieder festzustellen, dass man in sein altes Verhalten gefallen ist.

Und so manches ABER geht auch nur schwer aus dem eigenen Kopf. Deshalb verstehe ich gut, wenn man skeptisch ist. Für mich war es nicht nur ein langer Weg, ich lerne immer noch jeden Tag dazu. Und ich werde nie sagen, dass ich jetzt alles weiß und dass mit keiner mehr etwas beibringen kann.

Für mich geht es hier nicht nur um Hundeerziehung, sondern für mich ist die Philosophie hinter dem Clickertraining zur Lebenseinstellung geworden.

Jeder muss für sich entscheiden

Die meisten Menschen wollen ihrem Hund nicht weh tun, aber wenn ein Experte – und als solcher wird der Hundetrainer ja angesehen, wenn jemand mit seinem Hund zu ihm geht – sagt, dass ein Stachelhalsband bei der Hundeerziehung unbedingt notwendig ist, folgen dem viele, weil sie dem Experten vertrauen.

Und wenn der Experte dann auch noch sagt, so schlimm ist das gar nicht, sonst würde der Hund ja schreien, wenn es weh täte, wird ihm auch das geglaubt. Und wenn die Hundeerziehung dann auch noch funktioniert, weil der Hund – zumindest beim Experten – nicht mehr an der Leine zieht, sind die letzten Zweifel beseitigt.

Ich betreibe meine Hundeschule jetzt über 15 Jahre und ich habe aufgehört zu missionieren. Wer lieber rucken als denken möchte, wer seinen Hund lieber einschüchtert anstatt ihn zu trainieren, den lasse ich das tun – allerdings nicht bei und mit mir!

Wer bereit ist, einen neuen Weg zu gehen und auf positive Art mit seinem Hund zu trainieren, der ist bei mir herzlich willkommen und bekommt von mir alle nur mögliche Untersützung bei der Hundeerziehung.

ACHTUNG – Gefährlich

Vor einer Sache möchte ich aber warnen. Wer seinem Hund verbietet, zu zeigen, dass ihm etwas nicht gefällt, soll bitte IMMER dafür sorgen, dass der Hund NIEMALS in eine Situation gerät, aus der er nicht rauskommt. Solche Hunde beißen dann zu ohne zu warnen, weil sie gelernt haben, dass es erstens nicht hilft und zweitens höchstens negativ für sie wird.

Gleich beißen funktioniert dagegen meist sehr gut. Da zucken die Menschen dann doch zurück. Und wenn der Hund das erst mal gelernt hat, hat er wohl so ziemlich das Unangebrachteste gelernt, was er nur lernen kann. Sehr oft wird so ein Hund gleich eingeschläfert, weil der ja „bissig“ ist und ohne zu warnen zugeschlagen hat. Dass ein Training mit massiver psychischer und/oder physischer Bedrohung den Hund erst zu dem gemacht hat, interessiert in dem Moment niemanden mehr.

Bleibt ein solcher Hund am Leben und bekommt eine Chance, ist es sehr mühsam, ihm das ganz normale Ausdrucksverhalten wieder beizubringen. Das dauerte Monate, manchmal Jahre und manchmal gelingt es gar nicht mehr.

Meine Erfahrung

Nein, ich habe keine 15.400 Hunde trainiert. Ehrlich gesagt, habe ich nicht gezählt, wie viele Hunde bei mir im Training waren. Aber in Erinnerung sind mir die, die als „Häufchen Elend“ oder „total aggressiv und gefährlich“ zu mir kamen und keine Vermittlungschance hatten. Und die es geschafft haben, wieder so weit „normal“ zu werden, dass sie in ein neues Zuhause konnten. Das hat oft Monate gedauert und manchmal bin ich fast verzweifelt, wenn wochenlang keine Fortschritte zu sehen waren.

Dazu gehört unendlich viel Geduld, aber auch Fantasie, viele gute Trainingspläne inklusive was-ist-wenn-Notfallpläne. Dazu gehören Rückfälle in altes Verhalten, von dem man dachte, es sei längst überwunden.Hundeerziehung Kommen

Aber dazu gehören diese wunderschönen Momente, wo der Schalter beim Hund „umgelegt“ wird und man merkt. Jetzt hat er Vertrauen gefasst, jetzt macht er richtig mit. Er hat Lebensfreude und er hat Spaß. Er lernt rasend schnell und will immer mehr.

Das heißt übrigens nicht, dass der Hund mir jetzt auf der Nase herumtanzen darf. Konsequenz gehört dazu! Und ich gebe den Hunden Sicherheit. Sie brauchen mich nicht zu beschützen. Dafür brauche ich sie aber nicht zu bedrohen, das funktioniert auch so – mit gegenseitigem Respekt und VERTRAUEN.

Aber diese Hunde haben mich gelehrt, dass man mit positiver Verstärkung alles erreichen kann. Für einige ist der Clicker nicht nur ein sekundärer Verstärker, sondern eine Art Sicherheitssignal geworden.

Was mich traurig macht

Jeder muss seinen Weg finden und gehen und ich akzeptiere das. Was mich ärgert, wenn ich den Diskussionen folge, sind völlig unsachliche und falsche Informationen von einer Art der Hundeerziehung, von denen die Verfasser solcher Artikel noch nicht mal ansatzweise verstanden haben, worum es eigentlich geht.

Und es macht mich traurig und entsetzt mich, wenn Menschen nicht in der Lage sind zu erkennen, dass ihr Hund nur aus Angst etwas tut. Es geht nicht so sehr darum, ob es funktioniert oder nicht. Wenn Brachialmethoden nicht funktionieren würden, hätte man vor 50 Jahren keinen ausgebildeten Diensthund gehabt und hätte heute noch keinen ausgebildeten Jagdhund.

Damals wusste man es nicht besser. Heute ist es nur Gewohnheit und Bequemlichkeit.  😥

Was mich glücklich macht

Zum Glück wächst die Anzahl der Anhänger der Hundeerziehung über positive Verstärkung ständig. Auch immer mehr Hundeschulen arbeiten so.  😆

Und deshalb lohnt es sich, immer wieder darüber zu berichten und seine Erfahrungen weiterzugeben. 

Veröffentlicht in Allgemein
2 Kommentare zu “Hundeerziehung
  1. Günter Schneider sagt:

    Ich habe Ihr Seminar „Wie ihr Hund zuverlässig kommt“. Super hat gut funktioniert. Ich glaube Sie wissen von was Sie reden. Gefällt mir sehr gut.
    Mit freundlichen Grüßen
    Günter Schneider

    • Freut mich, wenn es geklappt hat! Und wenn es mal nicht klappt, kann man mich jederzeit fragen. Ich kenne noch 100 andere Wege, die ebensfalls ohne Gewalt auskommen. 😉
      Claudia

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