Hundeführerschein – Ja oder Nein?

Bringt der Hundeführerschein etwas?

In einigen Bundesländern ist der Hundeführerschein schon Pflicht und in immer mehr anderen Bundesländern wird darüber diskutiert, die Rasselisten abzuschaffen und statt dessen eine Hundeführerscheinpflicht für ALLE Hundebesitzer einzuführen. Wobei es teilweise auch Ausnahmen gibt und nicht wirklich ALLE die Prüfung ablegen müssen.

Rasselisten haben sich nicht bewährt

HandlingDass die Rasselisten nicht wirklich etwas gebracht haben, ist inzwischen wohl unbestritten. Das wurde von allen Experten aber vorausgesagt. Und Rasselisten entbehren auch jeglicher Logik, da sie zum einen in den Bundesländern sehr unterschiedlich aussehen und zum anderen nach wie vor auch immer wieder willkürlich geändert werden. Wie kann es sein, dass ein Hund in einem Bundesland gefährlich ist und im anderen nicht? Oder dass ein Hund einer Rasse nur dann gefährlich ist, wenn er nach einem bestimmten Jahr geboren wurde?

Die meisten Bisse passieren laut Beissstatistik durch Schäferhunde. Nun ist das nicht ganz so verwunderlich, weil es von dieser Rasse auch die meisten Hunde gibt. Aber Schäferhunde stehen in keinem einzigen Bundesland auf der Rasseliste! Merkwürdige Logik.

Wird das mit dem Hundeführerschein besser?

Da stellt sich jetzt natürlich die Frage, ob das mit dem Hundeführerschein dann alles besser wird. Ich habe mal über folgende Fragen nachgedacht:

  • Bringt der Hundeführerschein überhaupt etwas und wenn ja, was?
  • Ist der Hundeführerschein nur Geldmacherei und/oder Schikane?
  • Gibt es durch den Hundeführerschein weniger Beißunfälle?
  • Werden durch den Hundeführerschein weniger Hunde im Tierheim landen?
  • Welche Auswirkungen könnte der Hundeführerschein noch haben?

Was ist der Hundeführerschein?Fuß

Tja, da geht es schon los. Die Frage kann man gar nicht so leicht beantworten. Es gibt durchaus sehr unterschiedliche Prüfungen von den verschiedenen Vereinen und Verbänden. Das Einzige, das sich inzwischen wohl einheitlich durchgesetzt hat, ist, dass der Hundeführerschein aus einem Theorieteil (Sachkunde des Halters) und einem Praxisteil (Halter und Hund zeigen Übungen) besteht.

Wie das im Detail aussieht, kann sehr unterschiedlich sein. Das geht von relativ einfachen Prüfungen, bei denen mehr oder weniger ein auswendig gelerntes Schema auf einem Hundeplatz gezeigt wird bis hin zu sehr anspruchsvollen Prüfungen, bei denen der Hund in den unterschiedlichsten Situationen getestet wird.

Eine sehr alltagstaugliche Prüfung, bei der das Mensch/Hund-Team in verschiedensten Situationen (Feld, Park, Stadt, Freilauf, etc.) geprüft wird, ist z.B. der BHV-Hundeführerschein.

So sollte aus meiner Sicht eine solche Prüfung auch aussehen. Denn was nützt es, wenn der Hund auf dem Hundeplatz super „funktioniert“, sich aber außerhalb des Hundeplatzes daneben benimmt und macht, was er will?

Wer sollte den Hundeführerschein ablegen?

Auch hier streiten sich die Gemüter. Aktuell ist z.B. in Niedersachsen die Regelung

„…Ausschließlich Hundehalter, die sich nach dem 1. Juli 2011 erstmals einen Hund angeschafft haben und laut Gesetz nicht anderweitig als sachkundig gelten, müssen den Nachweis der Sachkunde über eine theoretische und praktische Prüfung erbringen…“ (Zitat aus dem NHundG)

Mir stellt sich hier die Frage, wieso jemand automatisch sachkundig ist, nur weil er irgendwann mal einen Hund besessen hat. Der Hund einer solchen Person hat vielleicht 12 Jahr in einem Zwinger gesessen oder an einer Kette gelegen, hat einmal am Tag ein paar Essensreste hingestellt bekommen und das war es! Und trotzdem ist dieser Mensch sachkundig?!?! Das finde ich zumindest sehr fragwürdig.

Wenn also ein solches Gesetz, dann bitte für alle. Zumindest dann, wenn ein neuer Hund angeschafft wird und/oder der aktuelle Hund ein bestimmtes Alter noch nicht überschritten hat. Oder muss man bei den „Schon-Hundebesitzern“ erst wieder darauf warten, dass etwas passiert?

Und – aus meiner Sicht ganz besonders wichtig! – die Sachkunde sollte unbedingt VOR Anschaffung des Hundes abgelegt werden müssen, was in Niedersachsen in Zukunft auch so vorgesehen ist.

Was könnte der Hundeführerschein bewirken?

Mikrochip ablesen

Kann der Hundeführerschein das erreichen, was die Rasselisten nicht geschafft haben – nämlich Beissunfälle ganz und gar zu verhindern?

Ganz ehrlich gesagt, wage ich das zu bezweifeln. Denn wie der Name schon sagt, es handelt sich um UNFÄLLE. Wenn es dagegen ein sicheres Mittel gäbe, hätten wir auch keine Autounfälle, würden uns nicht im Haushalt verletzen und Arbeitsunfälle gäbe es auch nicht. Dann wäre die Versicherungsbranche morgen pleite!

Aber man kann natürlich Vorsorge treffen, dass WENIGER Unfälle passieren und dass sie mit LEICHTEREN VERLETZUNGEN enden. Und dabei kann ein Hundeführerschein sehr wohl helfen. Denn ein Halter, der gelernt hat, mit seinem Hund umzugehen, der gelernt hat, seinen Hund einzuschätzen, der gelernt hat, mit seinem Hund umsichtig durch die Welt zu gehen und dessen Hund gelernt hat, sich angepasst in der Umwelt zu bewegen, wird viel weniger eine Gefahr darstellen als ein unerzogener Hund mit einem unwissenden und gedankenlosen Mensch am anderen Ende.

Weitere Nebenwirkungen vom Hundeführerschein

Aus meiner Sicht hat der Hundeführerschein aber noch ein paar positive Aspekte, die vielleicht nicht so sehr im Fokus sind.

  1. Weniger unüberlegt angeschaffte Hunde
    Wenn VOR der Anschaffung eines Hundes der Nachweis der Sachkunde notwendig ist, fallen unüberlegte Mitleidskäufe weg. Ebenso fallen die Käufe weg, wo Kinder unbedingt einen Hund haben wollen, sich aber hinterher keiner drum kümmert. Denn jetzt muss zunächst jemand bereit sein, die Sachkunde zu erlangen.
    Mit der Sachkunde erkennen einige Menschen dann sicher, dass ein Hund zu ihren Lebensumständen nicht passt und schaffen ihn gar nicht erst an.
    Diejenigen, die nicht WIRKLICH einen Hund haben wollen, werden nicht bereit sein, das Geld und die Zeit zu investieren, um Sachkunde und Hundeführerschein abzulegen.
  2. Weniger Abgabetiere
    Durch die Sachkunde ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hund angeschafft wird, der von seinen Eigenschaften her zu seinem Menschen/seiner Familie passt, zumindest wahrscheinlicher. Damit sinkt  höchstwahrscheinlich auch die Abgabequote, weil der Hund „nicht passt“.
    Darüber hinaus werden oft Hunde abgegeben, wenn sie in die Pubertät kommen und den Menschen über den Kopf wachsen. Da innerhalb von zwölf Monaten der Praxisteil abgelegt werden muss, sind die Menschen gezwungen, ihren Hund zu erziehen. Dadurch werden Probleme in der Pubertät viel besser zu bewältigen, die Hunde werden nicht zu Nervensägen, sondern zu angenehmen Begleitern und damit fällt dieser Abgabegrund weg.
  3. Weniger Tierquälerei
    Wissen hat noch nie geschadet. Und wenn den Menschen BEWUSST wird, dass es Tierquälerei ist, einen Hund am Kettenwürger oder Stachelhalsband durch die Gegend zu zerren oder ihn anderweitg mit Gewalt zu erziehen, wird es das auch viel weniger geben. Denn aus meiner Sicht passiert gerade ein solches Training nur deshalb, weil die Menschen es nicht besser wissen und sich nicht anders helfen können.
  4. Besseres Bild des Hundes in der Öffentlichkeit
    Gut erzogene Hunde werden dazu beitragen, dass das Bild des Hundes in der Öffentlichkeit wieder aufgewertet wird. Seit dem legendären Beissunfall in Hamburg und der Erfindung der Rasselisten sehen viele Menschen Hunde als gefährlich an und haben Angst. Ich mache immer wieder die schöne Erfahrung, dass Menschen, die selber keine Hunde haben, stehen bleiben und ganz begeistert sind, wenn Hunde sich „brav“ verhalten. Ich bin selber Prüferin und bei den Prüfungen ist es häufig so, dass Menschen mich oder die Prüflinge ansprechen und ganz begeistert sind, wenn die Hunde alle toll gehorchen.
  5. Mehr Freiheiten für den Hund
    Ein letzter und aus meiner Sicht gravierender Faktor ist der Vorteil für den Hund! Einem Hund, der schön an der Leine gehen kann, der zurück kommt, wenn er gerufen wird, der nicht pöbelt und niemanden belästigt, können viel mehr Freiheiten gewährt werden als seinem ungehorsamen Kollegen. Freilauf ist nur möglich, wenn man den Hund auch zurückrufen kann. Den Hund mitnehmen kann man nur, wenn dieser sich „benimmt“.

Nachteile Hundeführerschein

Aus meiner Sicht gibt es keine Nachteile durch die Einführung eines Hundeführerscheins. Allerdings gibt es zumindest zum derzeitigen Stand der Dinge noch einiges an Verbesserungspotential und zusätzlichen Massnahmen. Dies habe ich unter Fazit zusammengefasst.

Und was ist mit Argumenten wie

  • aber ein kleiner Hund braucht das doch nicht
  • ich bin schon zu alt und mein Hund auch
  • ich habe schon immer Hunde gehabt
  • mein Hund kommt sowieso nie mit, der muss das nicht können

Stadtprüfung

Ich bin Prüferin und ich habe inzwischen schon einige Chihuahuas, französiche Bulldogen oder auch Möpse in der Prüfung gehabt. Und siehe da. Diese kleinen Rassen können es genauso schön und gut wie die großen! Und sie sind viel angenehmer als die in der Leine hängenden kläffenden und geifernden „Fußhupen“ (ich darf das sagen, ich habe selber zwei Zwerge  😉 ), die die großen Hunde provozieren und deren Besitzer sich dann fürchterlich beschweren, wenn so ein großer Hund dann auch mal sagt: „JETZT REICHT’s“.

Wenn ein achtzigjähriger Mensch einen zehn Jahre alten Hund hat, wird man wohl tatsächlich keinen Hundeführerschein mehr verlangen. Wenn der sich aber mit 82 einen Aussiewelpen anschaffen möchte, weil sein alter Hund gestorben ist, ist die Sachkunde und der Hundeführerschein aus meiner Sicht mehr als angebracht. Ist der Mensch dazu nicht in der Lage, ist er ganz sicher auch nicht in der Lage, einen solchen Welpen zu erziehen und artgerecht zu halten. So etwas gibt es nicht? Schön wär’s. Ich kann ja mal eine Rubrik „Geschichten aus der Hundeschule“ aufmachen. Ihr würdet staunen! 😯

Und die Leute, die schon immer Hunde gehabt haben, sind aus meiner Erfahrung leider oft diejenigen mit der wenigsten Sachkunde, weil sie ihr letztes Hundebuch vor mehr als 30 Jahren gelesen und weder ihr Wissen noch ihre Trainingsmethoden jemals neueren Erkenntnissen angepasst haben.

Und wenn jemand sich einen Hund anschafft, um ihn dann in den Zwinger, an die Laufleine oder in die Waschküche zu sperren, sollte er sich doch bitte für einen Stoffhund entscheiden. Den muss man wenigstens nicht füttern, muss für ihn keine Steuern bezahlen und braucht weder Sachkunde noch muss man ihn erziehen.

Fazit

Ich bin absolute Befürworterin des Hundeführerscheins, weil ich für mich die anfangs gestellten Fragen alle positiv beantworten konnte, allerdings würde ich mir wünschen, dass unsere Politiker sich EINMAL EINIG wären.Begegnungen

  • Sachkunde BUNDESWEIT und VOR Anschaffung des Hundes für ALLE
  • Praktische Prüfung innerhalb von 18 Monaten für ALLE
  • Einheitliche Regeln für die Inhalte der Hundeführerscheinprüfung
  • Chip-Pflicht für ALLE
  • Haftpflichtversicherungspflicht für ALLE

Ich biete in meiner Hundeschule seit einigen Jahren Hundeführerscheinkurse an und veranstalte auch Prüfungen. Meine Erfahrung ist ganz einfach, dass die Menschen viel konsequenter mit ihren Hunden trainieren, wenn am Ende eine Prüfung steht. Profitieren tun am Ende die Leute selbst am meisten davon, weil sie einen angenehmen Begleiter haben.

 

 

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